Bericht von Anna Holzmann vom Wiener Halbmarathon

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Wie von der Tarantel gestochen sprang ich auf, weil mir in dem Moment, als mein Papa die Tür zu meinem völlig abgedunkelten Zimmer öffnete, die plötzliche Lichtdurchflutung vor die weit aufgerissenen Augen führte, dass der Tagesanbruch weiter zurücklag, als mir lieb war. Erst nach dreimaligem Nachfragen realisierte ich, dass es 7:15 laut neuer, sommerlicher Zeitrechnung war und damit der Beweis erbracht war, dass sich GPS-Uhren nicht automatisch umstellen – warum sollten sie auch? – und die angepeilte Abfahrtszeit von 7:00 nur mehr durch eine relativistische Überlistung der Raumzeit eingehalten werden konnte. Wenigstens hatte meine geistige Kapazität nach der Johannespassion in der Zwettler Stadtpfarrkirche am Vorabend für die gewissenhafte Vorbereitung eines transportablen Frühstücks gereicht, sodass wir um 7:35 startklar im eisbefreiten Auto saßen. Zuvor hatte ich wohlmeinend alle Küchenuhren um eine Stunde zurückgestellt (!), damit sie mit meiner GPS-Uhr synchron gingen, der ich über Nacht offenbar den Status einer axiomatischen Atomuhr verliehen hatte. Durch das Ö1-Morgenjournal um 8:00, das bei Gföhl das im Wageninneren unaufdringliche Rollgeräusch mühelos übertönte, verstummten auch die letzten Proteste gegen die Zeitumstellung in meinem Unterbewusstsein.

Im Vertrauen auf die Richtigkeit der vom Wiener Veranstalter angegebenen Straßensperren lotste ich meinen Privatchauffeur zur Arbeiterstrandbadstraße, wo uns ein unbestechlicher Verkehrssittenwächter in die durch Absperrgitter versinnbildlichten Schranken wies. Daher versuchten wir unser Glück in der Wagramer Straße, wo sich eine – verglichen mit dem ansehnlichen Zeitpolster – weniger großzügig bemessene Parklücke von einem Reversierakrobaten am Steuer trotzdem im nervenschonenden Erstversuch bezwingen ließ. Bis zum vereinbarten Treffpunkt um 9:30 mit meinem zweiten Streckenposten bot der lange Fußweg im nordwinderfüllten Schatten einen verzichtbaren Vorgeschmack auf die Rennbedingungen. Während die genaue Postierung von Andi unter Überwindung anfänglicher Orientierungsschwierigkeiten bezüglich der Laufrichtung ausgeklügelt wurde, zeichnete sich jedoch eine sonnige Erwärmung ab, die meine Wahl schließlich auf die luftigste Laufbekleidung fallen ließ. Aus Zeitmangel blieben mir nach der spätest möglichen Kleiderabgabe nur ein wenig eleganter Sprung über das Absperrgitter in den Startbereich und lockeres Hüpfen am Stand als Aufwärmprogramm. Gleichzeitig mit der Gänsehaut befielen mich kurz Zweifel an der Kleiderwahl, zumal ich mich von eingemummten, behüteten und behandschuhten Läufern umgeben sah. Da fiel auch schon der Startschuss und lenkte meinen Fokus zurück auf die bevorstehenden 21 Kilometer. Obwohl ich die 1. Runde dem Gustieren widmen wollte, ergab sich eine recht ambitionierte Geschwindigkeit, die ich zwecks Minimierung des Kraftaufwands an zwei meteorologisch kontinuierlich gespeisten Windkanälen entlang der Strecke etwas drosselte.

Bei Kilometer 4,5 standen wie vereinbart Papa und Maria seelenruhig in der Sonne, also hatte ich ihnen trotz aller Verwirrung offensichtlich die korrekte Durchgangszeit prognostiziert. Als ich nach der ersten Runde in den Start-Ziel-Bereich einbog, kündigte der Sprecher die erste Dame des Halbmarathonbewerbs an, der zeitgleich mit dem 7- und 14-km-Bewerb gestartet worden war. Während ich meinen Blick in die gerade noch scharf zu erkennende Ferne richtete, um eine aussichtsreiche Aufholjagd zu starten, fiel im selben Atemzug mein Name und ich aus allen Wolken. Das unwillkürliche Zusammenschlagen der Hände vor dem Kopf hätte mich beinahe aus dem Rhythmus gebracht, aber nicht so sehr, als dass ich den Zeitrückstand der Zweiten von ca. 20 Sekunden nicht mitbekommen hätte. Unter dem Zuruf einer Zuschauerin „Bravo, endlich a Frau!“ eröffnete ich hochmotiviert die zweite Runde, in der ich zwar mein Anfangstempo nicht ganz halten konnte, aber dennoch die Kilometer wie ein auf Sommerzeit gestelltes Uhrwerk herunterspulte, das von den privaten Verpflegungsstationen in regelmäßigen Abständen aufgezogen wurde. Meine Kilometerzeiten nahm ich eher beiläufig wahr, weil inzwischen der Siegeswille stärker war als der intrinsische Jagdinstinkt auf eine persönliche Bestzeit. Die wegen der unterschiedlichen Bewerbe selbstlimitierende Läuferanzahl auf der Strecke bewirkte leider auch eine drastische Verminderung an Windschattenspendern. Während sich die Sonne kontinuierlich ihrem Zenit näherte und die Richtigkeit meiner Kleiderwahl anhand achtlos weggeworfener Thermobekleidung bekräftigte, federte eine prächtig gedeihende Blase am linken Zehenballen meine müder werdenden Schritte asymmetrisch ab. Nach dem Einbiegen auf die Zielgerade trugen mich jedoch die sonnenanbetenden Zuschauer sanft um die letzte Kehre, bis mich auf der Zeitnehmungsmatte nach äußerst zufriedenstellenden 1:27:36 zum ersten Mal in meinem Läuferleben ein gespanntes Band bremste. Nach Wiedererlangen einer unaufgeregten Atmung blieb die euphorische Aufregung über dieses ganz und gar überraschende Ereignis noch lange erhalten, wovon auch meine privat archivierte Wortspende an Andy Marek zeugte. Die fehlende Duschmöglichkeit kompensierte ich mit einer raschen Katzenwäsche auf der Toilette im Donauzentrum, die gründlich genug war, dass wir bei unübertroffen zum Tag passender Kulinarik in einem „Running Sushi“-Lokal nicht frühzeitig zum Räumen unseres Tisches aufgefordert wurden. Nachdem der Betrieb mit meiner unpauschalen Konsumation wohl eine Negativbilanz zu verschmerzen hatte, konnte ich mir in der Wiener Wohnung die letzten eingetrockneten Salzkristalle von der nach dem langen Winter erstmals sonnenexponierten Haut waschen. Um den 23-stündigen Tag über seine Maßen auszufüllen, setzte mich mein Privatchauffeur nach einer Fahrt durch das ergrünende Weinviertel am späten Nachmittag bei der Pfarrkirche in Horn ab, wo wir die Johannespassion einem ökumenischen Publikum zu Gehör brachten. In dieser Nacht schlief ich fast noch tiefer, zumal die Arbeitswoche weniger unvermittelt von meinem unpersönlichen, dafür musikalischeren Wecker eingeläutet wurde. Neben den bleibenden Eindrücken dieses ereignisreichen Tages hält sich eine immense Dankbarkeit für die zahlreichen glücklichen Fügungen, bei denen meine Betreuer alle erdenklichen Finger im Spiel hatten. DANKE!

 

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