10.04.2016 Vienna City Marathon – Eindrücke von Anna Holzmann

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Nach einem unbeabsichtigt verspäteten Beginn meiner Vorbereitungen auf mein Marathon-Debüt brachte knapp 3 Wochen vor dem Bewerb ein Muskelproblem den Start gewaltig ins Wackeln. 7 Tage ohne einen Laufkilometer in den Beinen wagte ich am Donnerstag einen kurzen lockeren Lauf als Entscheidungshilfe. So richtig sicher war ich mir danach nicht. Dazu passte der Zick-Zack-Kurs der meteorologischen Vorhersagemodelle wie die Faust aufs Auge. Der Kurzbesuch auf der Marathon-Messe am Freitag brachte mich und die Wettermodelle jedoch auf den gewünschten Kurs zurück. Am Sonntag um Punkt 6 Uhr riss mich der Wecker meines Handy-Ausläufermodells sanft aus einem ungeahnt tiefen Schlaf, der nicht durch übermäßigen Alkohol-Konsum am Vorabend herbeigeführt worden war. Zwischen den Sportriegeln zum Frühstück und den kleidsamen Vorbereitungen inkl. Hirschtalg blieb mir leider nicht genug Zeit, um meine Maniküre in Rot-Weiß-Rot fertigzustellen. Die weißen Striche zog ich deshalb in aller Ruhe beim Warten auf die Straßenbahn, den letzten jedoch erst beim nächsten vorgesehenen Halt an einer Station. Die Dichte der Mitreisenden mit blauen Umhängesackerln nahm bis zur Reichsbrücke kontinuierlich zu. Dank einer leichten Realitätsverweigerung wollte sich bei mir einfach keine Nervosität einstellen. Trotzdem flüchtete ich vor den unwirtlichen Bedingungen im Startbereich in eine kleine Kapelle und durfte dort einer Predigt in Form eines Monologs eines noch immer (oder schon wieder) betrunkenen DSCN5050Original-Wieners beiwohnen und mich auf das Wesentliche besinnen. Er wollte mir u. a. weismachen, dass die anderen bereits gestartet seien und ich sie nicht mehr einholen könnte. Lange blieb ich – Gott sei Dank –mit diesem schrägen Vogel nicht allein. Meine Pilgerreise zu den Kleider-LKWs trat ich in voller Winteradjustierung an. Auf dem Weg traf ich Herbert Grassinger, Arnold Kainz, Martin Fichtinger und Andrea Turk und tauschte mit ihnen die besten Wünsche für das Rennen aus. Nachdem ich die Kleiderabgabe längst möglich hinausgezögert hatte, kämpfte ich mich im kürzest möglichen Zwickl-Laufdress mit Regenponcho darüber durch die Massen zum Startblock 2, wo ich überraschenderweise Andi, meinen Arbesbacher Quartiergeber in Oslo traf, der sich den Halbmarathon unter 1:40 vorgenommen hatte. Das war auch ungefähr meine Marschtabelle, nur eben zweimal hintereinander. Wir gründeten spontan eine Aufwärm-Arbeitsgruppe und kletterten immerhin 4 Minuten vor dem Start über die Absperrgitter in unseren Startblock. Noch keine Spur von Nervosität, ist das normal?? Meine Uhr empfing DSCN5063gerade rechtzeitig das tonangebende GPS-Signal, als ich vor mir Vroni Limberger erblickte und mich fragte, welche Distanz sie wohl bestreiten würde. Da war sie auch schon weg. Noch auf der Reichsbrücke überholte mich Samuel Edlmeier, der die 3:15 knacken wollte. Da das für mich nur unter optimalen Bedingungen drin war, ließ ich ihn unaufgeregt ziehen. Im Prater legten sich die ungemütlichen Seitenwindböen ein wenig, sodass ich einen guten Rhythmus finden konnte. Ich hörte mit halbem Ohr in meinen linken Oberschenkel, doch er blieb stumm. Also beschloss ich, mich gut zu fühlen und die Stimmung zu genießen, die durch das kühle Wetter deutlich getrübt war. Schon ab dem 3.DSCN5024Kilometer taten mir die Laufkollegen in der langen Kluft und z. T. mit Haube (!) leid, weil sich auf meinem Nasenrücken unter der Sonnenbrille erste Schweißperlen bildeten. Diese gingen sofort in den gasförmigen Zustand über, als auf der Schüttelstraße der Wind wieder durch die Sträucher pfiff und ich teilweise einen Buckel machte und den Kopf einzog, um meine Angriffsfläche zu verringern. Bei KM 8 klinkte sich Papa in das Rennen ein und erprobte am lebenden Objekt diverse Aufnahmemodi seiner Kamera. Mein Betreuerstab leistete bis zur Wienzeile perfekte Arbeit. Dort scheiterte ein Streckenposten an Orientierungsproblemen, sodass ich meine Verpflegung schon den Wienfluss hinuntergehen sah und mich stattdessen an einem offiziellen Stand mit Powerade aus dem Becher mehr besudelte als stärkte. Kurz nach dieser unfreiwilligen blauen Dusche klappte die verspätete Übergabe und es löste sich alles in Wohlgefallen auf, sodass ich die Wende bei Schönbrunn mit neuem Elan in Angriff nehmen konnte. Die neu gepflasterte, den Fußgängern gewidmete Innere Mariahilferstraße war auch für meinen Oberschenkelmuskel maßgeschneidert. Das Ziehen, das entlang der Wienzeile aufgekeimt war, verabschiedete sich fast zur Gänze. Das erleichterte mir die Entscheidung, aufs Ganze zu gehen und den DSCN5023Halbmarathon-Läufern zum Abschied beim Museumsquartier euphorisch statt wehmütig hinterherzuwinken. Beinahe hätte mich Papa vor dem Volkstheater übersehen, weil mich meine Beine wie von selbst trugen. Mangels besseres Wissen verließ ich mich bei der geänderten Streckenführung auf meine Vordermänner und schickte ein Stoßgebet in die Kapelle an der Reichsbrücke, dass meine Schwestern rechtzeitig merken würden, dass heuer an der Liechtensteinstraße, der vereinbarten Station für die Verpflegung von Papa während der letzten Jahre, keine regelrecht gemeldeten Läufer vorbeikommen würden. Von weitem erblickte ich zu meiner Erleichterung Maria auf einem Betonpfeiler, während mir Sophia gekonnt die nächste Flasche reichte. Das lang gezogene Gefälle hin zum Donaukanal provozierte plötzlich stechende Schmerzen im linken Knie, vor denen ich mich in DSCN5038trügerischer Sicherheit gewiegt hatte, weil sie jüngst entweder ausgeheilt oder von anderen Baustellen überlagert worden waren. Wer weiß das schon… Ich biss die Zähne zusammen und änderte meinen Laufstil kurzerhand auf den wenig nachahmenswerten eines von Montezumas Rache Geplagten mit O-Beinen. Hatte ich etwa doch die falsche Entscheidung getroffen und musste nun 19 km lang büßen? Vor der Schwedenbrücke überraschte ich Papa erneut und konnte ihn ansudern, bis er mir in guter Absicht den Mund verbot, damit ich nicht Seitenstechen bekäme. Der springende Betreuerstab merzte bei der Schwedenbrücke in bester Orientierung das kleine Missgeschick von der Wienzeile gänzlich aus. Durch den leichten Anstieg in Kombination mit Papas empfohlener Schmerzignoranz und dem Gefühl einer vollen Windel verwandelte sich das pathologische wieder in ein physiologisches Läuferknie. Eine seltene Erfahrung! Dadurch lief ich in einem annehmbaren Stil zum zweiten Mal in den Prater, wo mich in der Nähe des Stadions zwei kurzfristig in den Betreuerstab einberufene Musikerfreunde mit schreiend rosafarbenem Regenschirm und entgegen ihrer Ankündigung weder in Berg- noch in Anzugschuhen versorgten. Bis zum Lusthaus konnte ich den Schriftzug auf dem Hosenboden einer Läuferin namens „Edith“ fixieren und mich hinreichend von der endlos wirkenden Geraden ablenken. Vor der Wende begegnete ich Samuel, der offensichtlich fabelhaft auf Kurs war. Auf dem Rückweg konnte ich ihn nicht einmal mit meinen gelaserten Augen erspähen. Aber ich hatte längst andere Sorgen als die Zeit. Eine alte Baustelle am rechten Knie meldete sich wieder und trieb mich gelegentlich an den Wegesrand, weil ich mir von dem dämpfenden Waldboden Linderung versprach. Da ich „Edith“ im doppelten Sinn aus den Augen, weil hinter mir, verloren hatte, suchte ich einen neuen kongenialen Tempo-Partner und wurde rasch fündig. Ich fokussierte seinen Getränke-Gürtel, bis er unverständlicherweise eine Labstelle aufsuchte. Doch er schloss sofort wieder auf und ließ mich netterweise in seinen Windschatten. Den konnte ich bei der zweiten schweren Partie entlang der Schüttelstraße gut brauchen. Sie machte ihrem Namen alle Ehre und kühlte michDSCN5021 ordentlich ab. Mein Tempo-Partner und ich lösten uns im Kampf gegen die Windmühlen brüderlich ab und drückten gefühlt auch zur selben Zeit ein wenig auf die Tube. Im Nachhinein betrachtet war es allerdings eher ein kontinuierliches Halten als Verschärfen des Tempos. Die subjektive Wahrnehmung ist ein Hund, wenn die meisten Mitläufer langsamer werden und man stur die kleinen und großen Leiden des Marathonläufers ignorieren muss. Allerdings ist so ein Schlagabtausch des Zwickens und Zwackens auch recht abwechslungsreich und hält viel Spannung bereit. So mühten wir uns durch den windigen 3. Bezirk und bogen auf den Ring ein, wo ich Vroni vor mir erspähte. Das konnte sie doch nicht wirklich sein? Sie imponierte mir durch ihren irrsinnig leichtfüßigen Lauf, den ich mir für die letzten Kilometer zum Vorbild nahm, obwohl ich mir unter diesen Umständen angenehmere Aufgaben vorstellen konnte. Wo war mein Tempomacher mit dem Getränke-Gürtel auf einmal hingekommen? Meine GPS-Uhr gaukelte mir schon bei KM 39 die Vollendung des 40ers vor, der allerdings noch lange auf sich warten ließ. Aber von da an vollzog sich in mir eine Läuterung, die ihresgleichen sucht. Ich nahm nur noch die Zuschauer, den tosenden Beifall, die Rasseln, die rhythmischen Trommelschläge und im Augenwinkel die Kilometer-Tafeln wahr. 40, 41, … Ich laufe mit langen Schritten an Vroni vorbei, ist das zu glauben? Zu beiden Seiten des Rings höre ich Respektsbekundungen und vermeintlich bekannte Stimmen, bis es plötzlich wirklich bekannte Stimmen sind. Rechts steht meine Familie aufgefädelt, links eine liebe Freundin und unmittelbar daneben (vielleicht auch ein paar Hundert Meter weiter) eine Studienkollegin. Die letzten 500 Meter sind angebrochen, nun weisen alle 100 Meter Überkopfanzeiger den verbleibenden Weg zum Ziel. Eine Nichtigkeit, ein Bruchteil dessen, was ich bis dahin absolviert habe. Ich blende ohne mein aktives Zutun jeglichen Schmerz aus und fliege förmlich ins Ziel. Die rote Schaumstoffmatte vor dem Burgtheater dämpft zwar meine letzten Schritte, hebt aber meine Euphorie ins Unermessliche und befördert mich in einen schaurig transzendenten Zustand. Mit Volldampf über die Ziellinie, jawoi!!! Geschafft! Das war mein erster Marathon! Ich stoppe ab bei 3:17:03, also mit ein wenig Glück ein paar Zerquetschte darunter. Gerade Zahlen mag ich einfach lieber. Vroni geht beschwingt an mir vorbei und spricht mir gut zu, während ich wie aus heiterem Himmel keinen Fuß mehr vor den anderen setzen kann. Bis zum heiß ersehnten alkoholfreien Bier brauche ich eine qualvolle Ewigkeit im Schneckentempo. Aber ich schaffe es aus eigener Kraft aus dem heuer dankenswerterweise sehr kompakten Zielbereich und kann mir mit einiger Mühe sogar die Schuhe aufschnüren und mich umziehen. Nach einer gebührenden Feier mit meiner Familie in der Wohnung schreibe ich diesen Bericht unter Infrarot-Bestrahlung und harre gebannt den Folgen einer solchen Grenzerfahrung. Morgen mit Taxi oder Fahrrad in die Arbeit (normalerweise 10 Minuten zu Fuß)?

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