22.01.2016 Burgenland Extremtour – ein Bericht von Arnold Kainz

Burgenland Extremtour `16 – Das etwas andere Lauferlebnis.

20160122_082621Am Anfang steht ein beiläufiger Hinweis von Töchterchen Rosa vor Weihnachten

(“ … ich möchte im Jänner um den Neusiedlersee herumwandern, da gibt’s so

eine Veranstaltung …“).

Das geht natürlich nicht ohne mich, so ein langer Hatscher wär doch ideale

Trainingseinheit für einen im heurigen Sommer geplanten Ultralauf.

Also sofort angemeldet (nur 25 EUR!), der Rest wird sich ergeben, einmal um

den Neusiedlersee herum kann ja nicht so schwierig sein. Ah, 120km ? .. na

ja, wird schon gehen ..

Spezifische Vorbereitung? Fehlanzeige, keine Zeit mehr. Wird schon gehen.

Am 22. Jänner (Freitag) steh ich also um 03.00 in der Früh bei der

Startnummernausgabe in Oggau (liegt am Neusiedlersee, nördlich von Rust

…).

Natürlich ohne Tochter, denn die hat plötzlich am kommenden Montag eine

wichtige Prüfung – so ein Pech.

Es gibt keine Zeitnehmung, die Strecke soll großteils auf dem Radweg rund um

den See verlaufen, alle 15km gibt’s eine Labe.

Mit der Startnummer (am Rucksack) bekommst du bei der Anmeldung auch

gleichzeitig die Finisher-Urkunde, echt praktisch.

Start um 04.30 in völliger Dunkelheit auf der Oggauer Hauptstraße, -7°C.

Etwa 1.700 Teilnehmer,  aber kein bekanntes Gesicht ist unter den dicken

Pudelmützen und Schihauben erkennbar.

Eine vom Silvesterfeuerwerk übriggebliebene Rakete markiert das

Startzeichen.

Professionell ausgerüstet mit Rucksack, Warnweste, Stirnlampe und Co. mach

ich mich auf den Weg.

Ich habe mich zielsicher für das falsche Schuhwerk entschieden.

Cross-Laufsschuhe mit grobem Profil und wenig Dämpfung, Stunden später

schmerzt die Hüfte und das Hirn beutelt´s mir bei jedem Schritt raus …).

Hänge mich vom Start weg an eine größere Gruppe an, Schnitt ca. 9-10km/h

(ich hab keine Laufuhr), ist recht gemütlich.

Neben mir plaudern sie fröhlich über den letzten 24-Stunden Radmarathon, wo

sie „nur“ 600km geradelt sind. Ich bin vielleicht doch zu schnell.

07.30, erste Labe in Ungarn, 25km. Heißer Rooibos-Tee (von Sonnentor!) und

Striezel beleben das Gemüt. Bei -12° geht’s weiter auf Landstraßen und

Radwegen durch Ortschaften und durch die Botanik, strahlender Sonnenaufgang,

traumhaft. Die rechte Hüfte schmerzt, das „Ziagerl“ dürft vom Kicken am

Montag herrühren, war vielleicht nicht die weiseste Entscheidung. Ansonsten

alles easy.

Nächste Labe erst um 09 Uhr, noch immer in Ungarn, das zieht sich jetzt doch

ganz schön. Etwa 40km zurückgelegt, ich hab Hunger. Beim Lagerfeuer spül ich

die trockenen Keks wieder mit Rooibos-Tee runter. Es hat noch immer -10°,

quasi Waldviertler Verhältnisse. Dafür kein Wind. Die rechte Hüfte sticht

saumäßig. Der langsame Trott-Lauf geht ganz schön rein, scheiß Kicken. Das

„Ziagerl“ hat sich also ausgewachsen. Ich gestehe: ein Seractil verschafft

dann etwas Linderung (es bleibt das einzige!). Ab nun daher Wechsel Laufen

und (Kampf-)Gehen. Den Kollegen rundherum geht’s aber nur teilweise besser.

Um 11 Uhr in Apetlon angekommen, etwa 60km. Den angebotenen Rooibos-Tee lehn

ich dankend ab und wanke ins nächste Wirtshaus. Jetzt sind Cappuccino und

Apfelstrudel angesagt, herrlich. Ich könnte hier aussteigen, so wie es die

meisten tun … Weichei! mach gefälligst weiter. Ich wanke wieder auf die

Straße und häng mich an einen Leidensgenossen an, der offensichtlich die

Strecke kennt. Auf nach Podersdorf!

Quer durch die Pampa stellt sich die Sinnfrage immer öfters. Hüftschmerzen,

harte Oberschenkel – so war das nicht besprochen. Ich duelliere mich mit

zwischenzeitlich bekannten Gesichtern, einmal ist der vorn, einmal der.

Dazwischen freundliche, aufmunternde Worte. Sonne, Gänseschwärme. Von der

Labe in Podersdorf bei km 75 weg ist es nur mehr ein Marathon – läppisch.

In Neusiedl soll es dann in der Tourismusschule was „G´scheites“ zu essen

geben. Das hält mich am Leben bzw. in Bewegung, aber es wird zäher. So gegen

3 Uhr nachmittags falle ich dann in einen Sessel und löffle einige Teller

Kürbiscremesuppe leer. Herrlich! Der Körper murrt nun bei ca. 90km gewaltig

und der Geist ist auch nicht mehr recht willig. Nach einer halben Stunde

quäl ich mich aber doch wieder raus, versuch wieder in Bewegung zu kommen.

Aufmunternde Worte zu den Leidensgenossen, wir versuchen die harten und nun

auch kalten Muskeln wieder in Schwung zu bringen. Grässlicher Anblick.

Nun geht’s rein in die Dunkelheit. Die Grüppchen werden weniger, ich Versuch

Kontakt zu ortskundigen Läufern zu halten, damit ich mich nicht

verrenne/vergehe. Fällt mir schwer. Erfolgserlebnis bei km 100: ich überhole

Frau mit Rollator, die hat sich offensichtlich auf den Radweg verirrt. Ab

nun allein Weiterlaufen in der Dunkelheit, es wird wieder kälter, der

Lustgewinn hält sich in Grenzen.

Letzte Labe in Purbach bei km 105 in einem Heurigenlokal. Es gibt

Gulaschsuppe, herrlich salzig. Mein Tischgenosse ruft das Abhol-Taxi, er hat

genug. Ich höre weg …, stapfe wieder auf die Straße Richtung Kreuzung.

Keine Markierung zu sehen, wir sind zu dritt … wo geht’s weiter? Wir

halten einen Autofahrer an – zum Glück einheimisch – und fragen nach dem Weg

Richtung Donnerskirchen. Er kennt die Laufstrecke, wir sind nicht die ersten

die fragen (und nicht die letzten).

Der Steirer wird uns bald verlassen, er ist zu schnell (Berg-Ultraläufer

…). Ich verbünde mich daher mit Zoran, er „bewegt“ sich in meiner Liga.

Wir sind ein gutes Gespann. Es ist ortskundig und ich hab eine Stirnlampe

dabei. Wir werden bis zum Ziel beisammen bleiben und in den nächsten zwei

Stunden Lauffreunde werden. Wir quatschen übers Kicken (er pfeift in der

Landesliga) und das Hausbauen und philosophieren über den Sinn von

Fahrtenbüchern. Das lenkt alles ab vom Laufen und wir nehmen es dann auch

nicht tragisch, als sie uns 2km vorm Ziel von der Hauptstraße runter

nochmals in die Pampa scheuchen.

Den letzten Kilometer zurück ins Ziel nach Oggau bewältigen wir mit

„Höllentempo“, Ankunft nach über 15 Stunden kurz nach 20 Uhr, geschätzte

118km.

Herzlicher Empfang vom Organisationsteam, gemeinsames Zielfoto auf der

„Finisher-Couch“ mit Zoran, wir vereinbaren ein Wiedersehen.

Nach einigen Bechern Kaffee und ein paar Broten mach ich mich auf den

Heimweg, eh nur noch zwei Stunden Autofahren …

Was bleibt?

Ein neuer Lauffreund, vier tiefblaue Zehennägel, ein ausgeschlagenes

„G´stell“ und die Erkenntnis, dass läppische 120km doch ein bisserl mehr

sind als ein Marathon, auch wenn man es „gemütlich“ angeht. Und ich trinke

seitdem keinen Rooibos-Tee mehr.

Nächstes Jahr bin ich jedenfalls besser vorbereitet!

7 Kommentare:

  1. Pingback:Burgenland Extremtour - LC Waldviertel

  2. Lieber Arnold, gratuliere dir zu dieser Leistung! Wahnsinn!! Du bist einfach ein zacher wilder „Hund“ 🙂 Und ein toller Bericht ist´s noch dazu. Hab richtig mit dir gefühlt und trotzdem sehr amüsant!

  3. Lieber Arnold,
    Gratulation an diese tolle Leistung und super Bericht!
    Mir tut nach deinem Bericht auch gleich alles Weh!

  4. Herbert Kolinsky

    Supercool!
    „Congrats“

  5. ich hab echt auch überlegt mitzumachen… schade!
    dann fixieren wir das für nächstes Jahr, Arnold! du kennst ja jetzt schon die Strecke!
    super Bericht!!!

  6. Hallo Arnold, gratuliere dir zu dieser tollen Leistung ,
    da muß man wirklich einen Biß für Ausdauer haben.
    und dein Bericht ist ein echter Lesegenuß !

    1

  7. feiner Text, muss ich schon sagen. nach meinem Spartan Race im September schreib dann auch so nen Bericht 🙂

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